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3 Min. Lesezeit Demokratische Arbeitswelt

Transformation, beruflicher Auf- und Umstieg und Weiterbildung / IAB / ifo / (Enzo Weber) Makronom

Dass wir inmitten eines Transformationsprozesses sind, in dem der industrielle Strukturwandel aber auch die künstliche Intelligenz Branchen und Berufsbilder verändern, ist eine Binsenweisheit. Ebenso, dass viele Erwerbstätige in "Basisarbeit" verharren. Drei hier zusammengefassten Beiträge verweisen auf Reformbedarfe.

Die Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, wies in einem Interview in der ZEIT (Paywall) nochmals darauf hin: "Ein Job ist nichts Statisches. Die Erstausbildung ist nur eine Zwischenstation. Danach muss ich weiterlernen." 

Wobei: Zunächst einmal muss man in den Genuss einer Erstausbildung kommen. Wie der Bildungsbericht 2026 der Bundesregierung bestätigt, muss man die (Aus-)Bildungskette auch von vorne in den Blick nehmen. Und hier zeigt der Bericht kein gutes Bild:

Am unteren Ende des Qualifikationsspektrums zeigt sich bundesweit ein Anstieg der Zahl der Jugendlichen, die ohne Schulabschluss von allgemeinbildenden Schulen abgehen. Gemessen an der gleichaltrigen Wohnbevölkerung ist die Abgangsquot (Abgänger:innen ohne Abschluss) seit dem Abgangsjahr 2014 um über einen Prozentpunkt auf 8 Prozent gestiegen. Neben Länderunterschieden (6 bis 14 Prozent) bestehen auch erhebliche kommunale Disparitäten (2 bis 21 Prozent).

"Weiterlernen" ist auch wichtig für Personen, die noch keinen Berufsabschluss haben. Doch wichtige Instrumente, die sich gerade an diese Zielgruppe richten, scheinen Vielen nicht bekannt zu sein. Zumindest kommt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu diesem Schluss. Obwohl Personen ohne Berufsabschluss eine hohe Umschulungsbereitschaft zeigen, wären ihnen wichtige Fördermöglichkeiten kaum bekannt und mehrere Hemmnisse erschweren ihre tatsächliche Teilnahme. Auf Basis einer Befragung mit einem hohen Anteil von Bürgergeldbeziehenden zeigt der Beitrag, dass nur etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Befragten wussten, dass die Arbeitsagentur oder das Jobcenter Umschulungskosten übernimmt. Die finanziellen Anreize – Weiterbildungsprämie (insgesamt 2.500 Euro) und Weiterbildungsgeld (150 Euro monatlich) – waren über 80 Prozent unbekannt. Trotzdem äußerten insbesondere Bürgergeldbeziehende mit knapp 90 Prozent eine hohe Umschulungsbereitschaft. Zentrale Hemmnisse für Bürgergeldbeziehende sind Kinderbetreuungspflichten, gesundheitliche Einschränkungen sowie der zu lange Verzicht auf ein reguläres Einkommen. Im Schnitt nannten die Befragten fast vier unterschiedliche Ablehnungsgründe, was auf multiple, heterogene Barrieren verweist. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass eine bessere Information über die "Arbeitsmarktrenditen" von Qualifizierungen die Teilnahme erhöhen könnte.

Die Studie „Erwartungen entscheiden über betriebliche Weiterbildung“ von Hanna Brosch, Philipp Lergetporer, Franziska Pfaehler und Florian Schoner im ifo Schnelldienst 6/2026 wiederum beschäftigt sich mit der betrieblichen Weiterbildung und den Erwartungen der Beschäftigten. Sie bestätigen einen bekannten Befund: Geringer Qualifizierte, ältere Beschäftigte und Personen mit weniger komplexen Tätigkeiten nehmen seltener an betrieblicher Weiterbildung teil. Die Studie basiert auf einer repräsentativen Onlinebefragung von 3.701 abhängig Beschäftigten in Deutschland (25–55 Jahre) aus dem Jahr 2024. Im Durchschnitt würden Beschäftigte einen um knapp 9 Prozent höheren Verdienst sowie bessere Aufstiegschancen, beruflichen Erfolg, interessantere Tätigkeiten und geringere Arbeitsplatzunsicherheit erwarten. Diese Erwartungen hängen eng mit tatsächlicher und geplanter Weiterbildungsteilnahme zusammen, wobei nicht-monetäre Erwartungen stärkere Prädiktoren seien als reine Einkommenserwartungen. Während 67 Prozent der höher Qualifizierten in den letzten zwölf Monaten teilnahmen, waren es nur 45 Prozent der geringer Qualifizierten. Diese Unterschiede würden weniger auf abweichenden Einkommenserwartungen beruhen, sondern vor allem auf deutlich niedrigeren nicht-monetären Ertragserwartungen geringer Qualifizierter.

Fazit der Studie:

Gezielte Informationen über Erträge können die Weiterbildungsabsichten insbesondere von geringer qualifizierten Beschäftigten erhöhen. Maßnahmen, die an den Erwartungen von Beschäftigten ansetzen, wären ein wirksamer Hebel zur Verringerung von Weiterbildungsungleichheiten.

Der IAB-Forscher Enzo Weber geht im MAKRONOM unter dem Titel „Abfindungen für neue Jobs“ (Paywall) auf die Probleme des Übergangs in neue Beschäftigung ein. Aufbauend auf seiner u.a. im gleichen Medium formulierte These der "Erneuerungskrise" ist sein Ausgangspunkt der Mismatch von steigender Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel. Statt dass Beschäftigte mit Abfindung in die Frührente gehen, sollten Arbeitskräfte für neue Tätigkeiten gewonnen werden, wobei häufig Weiterentwicklungen bestehender Kompetenzen statt kompletter Umschulungen genügten. Weber kritisiert die bestehende „Fünftelregelung“, die vorsieht, dass die Abfindung über fünf Jahre gestreckt jeweils zu einem Fünftel versteuert wird. Er schlägt vor, Abfindungen zunächst normal zu versteuern, dann aber über fünf Jahre jeweils ein Fünftel vom laufenden Erwerbseinkommen absetzbar zu machen, sodass die Abfindung bei Aufnahme neuer Arbeit schrittweise steuerfrei wird. Diese unbürokratische Regelung könne nach seinen Schätzungen etwa 10 Prozent der Betroffenen zusätzlich in Beschäftigung bringen.

POSTPARADIGMA-Kommentar: Alle drei Studien (sowie der Bildungsbericht der Bundesregierung) zeigen Verbesserungsbedarfe der Bildung- und Arbeitsmarktpolitik im weiteren Sinne auf, wenn es darum geht, die Arbeitsmarktintegration zu verbessern und dem Fachkräftemangel zu begegnen. Der Text von Weber macht deutlich: Auch ohne "Sozialabbau" kann man bessere Anreize schaffen. Der IAB-Text zeigt wiederum, dass Anreize auf dem Papier nicht ausreichen, wenn sie zu wenig bekannt sind und keine gezielte Ansprache und Beratung stattfindet, welche Vorteile sie ermöglichen. Auch der ifo-Text zeigt, dass Erwartungen eine wichtige Rolle spielen, er blendet allerdings betriebliche Interessen und Machtverhältnisse aus, denn nicht nur Erwartungen der Beschäftigten spielen beim Zugang zu betrieblicher Weiterbildung eine Rolle, sondern eben auch unternehmerische Entscheidungen. Dabei sollte es - gerade in Transformationsprozessen - nicht nur um bessere Information gehen, sondern auch um Rechte der Beschäftigten.