Kein geringerer als Papst Leo XIV. hat sich in die Diskussion um die Zukunft der Künstlichen Intelligenz eingemischt. An einer Stelle trifft er - ohne es so zu nennen - auf Karl Marx, denn das allgemeine gesellschaftliche Wissen wird zu einer Produktivkraft. Aber wem sollte dieses Wissen gehören?
In der Enzyklika "Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" hat Papst Leo XIV. eine fundamentale Auseinandersetzung mit der KI vorgelegt. Die Enzyklika beurteilt KI im Licht der katholischen Soziallehre. Ihr Maßstab ist die unveräußerliche Würde jedes Menschen, unabhängig von Leistung und Effizienz, konkretisiert in den Prinzipien Gemeinwohl, allgemeine Güterbestimmung, Subsidiarität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Anthropologisch grenzt der Papst maschinelle „Intelligenz" scharf vom Menschen ab: KI verarbeite Daten und simuliere Empathie, besitze aber kein Gewissen, keinen Leib und kein echtes Verstehen.
Als Chancen der KI nennt er Effizienzgewinne, bessere Dienste und das Potenzial, Leiden zu lindern. Die Risiken würden jedoch überwiegen : Schwächung von Urteilskraft, trügerische Objektivität, simulierte Beziehung, Diskriminierung durch Algorithmen, Überwachung, Desinformation, Gefährdung Minderjähriger sowie der Einsatz im Krieg, wo KI die Hemmschwelle zur Gewalt senke.
Wirtschaftspolitisch liegt sein Schwerpunkt auf Machtkonzentration. KI verstärke bestehende Asymmetrien, weil Daten, Infrastruktur und Rechenleistung nicht bei Staaten, sondern bei wenigen, oft transnationalen Privatakteuren liegen, die Zugangsbedingungen, Sichtbarkeit und Marktchancen faktisch selbst festlegen – eine neue, schwer kontrollierbare „private" Macht. Der Papst weitet die allgemeine Bestimmung der Güter ausdrücklich auf Patente, Algorithmen, Plattformen und Daten aus.
"Daten sind das Ergebnis der Beiträge vieler und dürfen nicht an einige Wenige verkauft oder ihnen überlassen werden."
Er warnt vor wachsender Ungleichheit (sehr hohe Vergütungen für eine spezialisierte Minderheit, sinkende Löhne für viele), vor Arbeitsplatzverlust und Dequalifizierung sowie vor „neuen Formen der Sklaverei" entlang der digitalen Wertschöpfungskette (ausgebeutete Datenarbeit, Rohstoffabbau, „Datenkolonialismus" v. a. im Globalen Süden). Gegen ein blindes Vertrauen in die „unsichtbare Hand" fordert er eine gestaltende Politik: soziale Kriterien für Innovation, Beschäftigungsschutz, Weiterbildung und Mitbestimmung, transparente Lieferketten mit ethischer Due Diligence, gerechte Steuer- und Umverteilungspolitik sowie neue Wohlstandsindikatoren jenseits des BIP. Kritisch sieht er auch die wachsende Rolle der Finanzbranche und der Kryptowährungen, sofern sie sich von anthropologischen und moralischen Grundlagen löse.
Seine politischen Schlussfolgerungen verlangen verbindliche Strukturen statt bloßer Ethik-Appelle: klare Verantwortlichkeit (Accountability), Transparenz, unabhängige Aufsicht und Anfechtbarkeit von Entscheidungen, internationale Regeln (besonders bei autonomen Waffen, wo tödliche Entscheidungen nie an Maschinen delegiert werden dürfen) sowie einen erneuerten Multilateralismus. Sein Leitbegriff ist „KI entwaffnen": sie der Logik des wirtschaftlichen, geopolitischen und militärischen Wettlaufs entziehen, Monopole aufbrechen und die Technik dem Gemeinwohl unterordnen – als Beitrag zur „Zivilisation der Liebe".

POSTPARADIGMA-Kommentar: Wie auch immer man zum Papst steht, seine Intervention zeigt, dass die Entwicklung von KI eine große Herausforderung der Demokratie im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Interessen, Innovationspotenzialen sowie Macht- und Gerechtigkeitsfragen ist.
Politikökonomisch ist besonders interessant, dass der Papst darauf verweist, dass gerade die General Purpose KI auf Informationen und Daten basiert, die von der Menschheit geschaffen wurden, aber durch KI-Konzerne verwertet werden.
Damit ist er nahe am berühmten Satz von Karl Marx aus seinem so genannten "Maschinenfragment":
„Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist.“ (MEW 42, S. 602)
Für eine progressive Politik stellt sich somit die sehr grundsätzliche Frage, wie die Verarbeitung und Verwertung des "allgemeinen gesellschaftliche Wissens" nicht allein privaten Konzernen überlassen werden kann, sondern welche Möglichkeiten - zumindest perspektivisch - bestehen, öffentliche bzw. gemeinwohlorientierte Angebote zu schaffen.