Wie einige andere bereits bei POSTPARADIGMA erwähnte Studien zeigen auch aktuelle Analysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sowie des Dezernat Zukunft, dass unsere Ökonomie ein erhebliches Innovationsproblem hat.
„Deutsche forschungsintensive Industrien schwächeln“ lautet der Beitrag von Christian Danne und Alexander Schiersche, erschienen im DIW Wochenbericht. Der Bericht untersucht die Stellung der deutschen forschungsintensiven Industrien im internationalen Vergleich anhand der Indikatoren Wertschöpfungsanteil, Produktivitätsentwicklung und Außenhandel. Diese Industrien werden in zwei Gruppen unterteilt: Produzenten hochwertiger Technologiegüter (Kraftfahrzeugbau, Maschinenbau, Chemie, elektrische Ausrüstungen) sowie spitzentechnologische Industrien (Pharma, Elektronik und Optik, sonstiger Fahrzeugbau). Deutschland sei besonders stark auf hochwertige Technologiegüter spezialisiert, deren Wertschöpfungsanteil jedoch von rund 12,5 Prozent (2015) auf knapp zehn Prozent gesunken sei. Die Produktivität dieser Produzenten habe sich seit etwa 2016 nicht verbessert, was auf strukturelle Probleme statt nur konjunkturelle Schwankungen hindeute. Die spitzentechnologischen Industrien tragen mit nur rund 2,9 Prozent zur bereinigten Wertschöpfung bei und konnten ebenfalls keine überdurchschnittliche Dynamik entfalten. Im internationalen Vergleich verzeichneten Länder wie Dänemark, die Niederlande, die Schweiz und Südkorea höhere Produktivitätszuwächse und könnten ihre Wertschöpfungs- und Welthandelsanteile besser halten oder ausbauen. Im weltweiten Handel mit forschungsintensiven Gütern verliere Deutschland fortlaufend an Boden. Die Autor:innen leiten daraus konkreten wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf ab: Die Regulierungsdichte müsse sinken, ein europäischer Binnenmarkt für datengetriebene Geschäftsmodelle müsse entstehen und die Qualität der öffentlichen Verwaltung müsse steigen, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Auch das Policy Paper „Viel Wissen, wenig Wachstum – Was bei der Innovationsförderung des Bundes schief läuft und wie sie reformiert werden könnte“ von Sven von Wangenheim, Alexander Marx und Florian Schuster-Johnson des Dezernat Zukunft thematisiert die Innovationsschwäche, aber auch die staatliche Förderung. Deutschland befinde sich in einem Innovationsparadox: Trotz überdurchschnittlich hoher FuE-Ausgaben (3,2 Prozent des BIP bzw. 137 Milliarden Euro jährlich) lasse die Innovationsleistung nach, was sich in sinkenden Platzierungen im Global Innovation Index und im European Innovation Scoreboard sowie in schwachem Produktivitätswachstum zeige. Auf Basis des Förderkatalogs des Bundes mit rund 40.000 aktiven Vorhaben, kombiniert mit Unternehmensdaten aus S&P Capital IQ und einer LLM-gestützten Klassifikation der Technologie-Reifegrade (TRL), analysieren die Autoren die Mittelverteilung. Das Ergebnis zeige eine systematische Bevorzugung großer Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden und etablierter Firmen, die älter als 20 Jahre sind – jeweils fast zwei Drittel der Fördersummen würden an diese Gruppen fließen. Die Förderung konzentriere sich auf mittlere Reifestufen (TRL 4 bis 6), während Frühphasenforschung (TRL 1 bis 3) bei Unternehmen kaum gefördert werde. Dadurch werde vorrangig die inkrementelle Verbesserung bestehender Produkte subventioniert statt disruptiver Innovationen. Die Autoren leiten aus internationalen Vergleichen vier Reformoptionen ab: ein Förderprogramm für kleine und junge Unternehmen mit gesetzlicher Mindestquote, eine gesetzlich verankerte Technologieprioritätenliste mit TRL-Zielvorgaben, eine Ausweitung der Frühphasenförderung (u.a. durch Ausbau der SPRIND) sowie eine stärkere Transferförderung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

POSTPARADIGMA-Kommentar: Auch diese Studien verweisen wie eine Reihe weiterer Beiträge zum Wirtschaftsmodell auf die Notwendigkeit, das deutsche Innovationsystem neu auszurichten.