Die Klage ist nicht neu: Politiker:innen werden nicht nach ihrer Kompetenz bewertet, sondern auf Basis ihrer "Performance", die aber wiederum von vielen Medien überbetont und kritisch thematisiert wird. In dieser Studie wird die Klage empirisch untermauert.
Die Studie „Politikstile – Wie Medien sie deuten und warum Emotionen und Symbole das Demokratievertrauen beeinflussen“ von Ole Meinefeld, Aryan Shooshtari und Kristina Weissenbach ist erschienen in der Reihe böllschriften der Heinrich-Böll-Stiftung. Deutsche Leitmedien würden Politikstile überwiegend negativ deuten und sich sich auf symbolische und emotionale Aspekte des „Wie“ konzentrieren statt auf inhaltliche Substanz, was das Vertrauen der Bürger:innen in die Demokratie maßgeblich beeinflusse.
Die Studie wertet 613 Zeitungsartikel zu elf Spitzenpolitiker:innen aus dem Zeitraum 2021 bis 2025 aus und untersucht, wie die Medien über die Art und Weise des politischen Handelns berichten. Unter „Politikstil“ verstehen die Autor:innen das „Wie“ der Politik – von der Kleidung und die Körpersprache über Rhetorik bis zu Rollenzuschreibungen. Vier Deutungsdimensionen werden unterschieden: eine symbolische (Rhetorik, Interaktion, Erscheinungsbild), eine emotionale (Charakter, Emotionen, Privatleben), eine deskriptive (Geschlecht, Alter, Herkunft) sowie eine substanzielle (Einstellung, Sachkompetenz, Erfolge). Die Befunde würden zeigen, dass in neun von zehn Artikeln symbolische Aspekte dominieren, emotionale Zuschreibungen würden in über der Hälfte vorkommen, während Fachwissen und Erfolge selten thematisiert würden. Der Grundton der Medien sei überwiegend kritisch. Das Geschlecht mache einen Unterschied: Politikerinnen würden häufiger mit Empathie und Emotion, männliche Politiker eher mit Sachkenntnis verbunden; auch das Erscheinungsbild und Privatleben würde bei Frauen stärker thematisiert.
Das Fazit:
Ein Auftrag für die politische Bildung und Politikberatung besteht darin, über diese Zusammenhänge aufzuklären. Die Studie liefert dafür empirische Evidenz: Wenn Sachkompetenz in 60 Prozent der Artikel keine Rolle spielt, wenn dieselbe Zurückhaltung 2021 als staatsmännisch und 2025 als führungsschwach gilt, wenn Kommunikationsstärke bei Politikerinnen als Empathie und bei Politikern als Fachkenntnis gerahmt wird – dann sind das keine Einzelfälle, sondern wiederkehrende Muster. Diese Muster sichtbar zu machen, ist der erste Schritt. Redaktionen, politische Akteur:innen und Bildungseinrichtungen können daraus eigene Schlussfolgerungen ziehen – vor dem Hintergrund einer Vertrauenskrise, in der es gilt, in unterschiedlichen Rollen die Verantwortung zu übernehmen.