Die populäre These einer in zwei Lager polarisierten Gesellschaft (bspw. in Moderne und Traditionelle) provoziert die Soziologie zu immer neuen Analysen jenseits der Feuilletons. Dies sind alles fruchtbare Ansätze für eine differenzierte Analyse gesellschaftlicher Konfliktlinien. Zwei Beiträge aus wissenschaftlichen Fachaufsätzen werden hier kurz vorgestellt. Beide zeigen: Die Migrationsfrage muss als Konflikt entschärft und die Verteilungsfrage sollte stärker politisiert werden.
Der Text "Sozialer Raum, gesellschaftspolitische Lager und Polarisierung im Strukturwandel" von Tobias Rieder und Christian Schneickert wurde veröffentlicht im Berliner Journal für Soziologie.
Der Text untersucht, ob und wie sich gesellschaftspolitische Lager in Deutschland seit 2002 polarisiert haben. Die Autoren knüpfen an Pierre Bourdieu und Michael Vester an: Politische Einstellungen werden hier nicht als einzelne Meinungen verstanden, sondern als Positionierungen in einem soziopolitischen Raum, der durch soziale Lage, Bildung, Beruf, Einkommen, kulturelles Kapital und politische Orientierung strukturiert ist. Empirisch nutzen sie Daten des European Social Survey 2002-2023. Sie bilden gesellschaftspolitische Lager aus drei Konfliktdimensionen: Umverteilung, sexuelle Diversität und Migration. Daraus entstehen acht theoretisch mögliche Lager. Die Autoren wollen zeigen, dass die verbreitete Zwei-Lager-Diagnose „Kosmopoliten gegen Kommunitaristen“ zu grob ist. Es gäbe zwar Gegensätze, aber keine einfache Spaltung der Gesellschaft in zwei homogene Blöcke.
Identifizierte gesellschaftspolitische Lager
- Transnational-egalitäres Lager
Pro Umverteilung, pro sexuelle Diversität, pro Migration.
2023 das größte Lager mit ca. 31,6 %. Eher links, stark bei Grünen-Wähler*innen, höher gebildet, urbaner, jünger, häufiger in soziokulturellen Berufen. - National-egalitäres Lager
Pro Umverteilung, pro sexuelle Diversität, skeptisch gegenüber Migration.
2023 ca. 30 %. Eher Mitte, häufiger CDU/CSU, SPD, AfD oder Nichtwahl; älter, häufiger ostdeutsch, kleinstädtisch/ländlich, niedrigere Einkommen und Bildung, stärker Arbeiter*innen und Bürokräfte. - Transnational-liberales Lager
Skeptisch gegenüber Umverteilung, pro sexuelle Diversität, pro Migration.
2023 ca. 16,2 %. Eher FDP-nah, höheres Einkommen und Bildung, stärker Manager*innen, technische Berufe, Selbstständige. - National-liberales Lager
Skeptisch gegenüber Umverteilung, pro sexuelle Diversität, skeptisch gegenüber Migration.
2023 ca. 12,8 %. Eher rechts der Mitte, häufig CDU/CSU und AfD, relativ hohes Einkommen, mittlere Bildungsprofile. - National-illiberales Lager
Pro Umverteilung, skeptisch gegenüber sexueller Diversität, skeptisch gegenüber Migration.
2023 ca. 3,6 %. Am stärksten rechts positioniert, überdurchschnittlich AfD, CDU/CSU, SPD oder Nichtwahl; älter, männlicher, niedrigere Bildung, stark bei Produktionsarbeiter*innen. - National-antiegalitäres Lager
Skeptisch gegenüber Umverteilung, sexueller Diversität und Migration.
Sehr klein, ca. 1,7 %. Eher rechts, aber wegen geringer Fallzahl nur vorsichtig interpretierbar. - Transnational-illiberales Lager
Pro Umverteilung, skeptisch gegenüber sexueller Diversität, pro Migration.
Sehr klein, ca. 2,3 %. Auffällig häufig mit Migrationsbiographie. - Transnational-antiegalitäres Lager
Skeptisch gegenüber Umverteilung und sexueller Diversität, pro Migration.
Sehr klein, ca. 1,9 %. Ebenfalls eher rechts und migrantisch geprägt.
Die beiden größten Lager sind nicht die klassischen Pole „Kosmopoliten“ und „Kommunitaristen“, sondern das transnational-egalitäre und das national-egalitäre Lager. Beide befürworten Umverteilung und sexuelle Diversität. Sie unterscheiden sich vor allem in der Migrationsfrage. Es zeige sich eine multipolare Struktur: mehrere Lager, mehrere Konfliktlinien, unterschiedliche soziale Verankerungen. Die Lager liegen im sozialen Raum unterschiedlich: progressive und migrationsfreundliche Positionen finden sich eher bei einem höherem Bildungs- und Kapitalvolumen; migrationskritische und illiberalere Positionen wiederum eher bei niedrigeren Kapitalausstattungen, älteren Gruppen, in ländlicheren Räumen und in Arbeiter:innenmilieus.
Von einer allgemeinen gesellschaftlichen Polarisierung oder einem umfassenden Rechtsruck könne also empirisch nicht gesprochen werden. In den Dimensionen Umverteilung und sexuelle Diversität sei die deutsche Bevölkerung seit 2002 sogar deutlich progressiver geworden. Anders sei es in der Frage der Migration. Hier gäbe es keinen klaren Liberalisierungstrend. Die Gesellschaft sei in dieser Frage stärker geteilt, und einige Lager hätten ihre migrationskritische Haltung verschärft. Die Gesellschaft sei also nicht insgesamt gespalten, aber bestimmte Konflikte, vor allem Migration, würden sichtbarer, emotionaler und politisch stärker aufgeladen.
In einem weiteren Beitrag übertragen Thomas Lux, Steffen Mau und Linus Westheuser ihre auch über einen engeren soziologischen Kreis hinaus bekannte Analyse u.a. im Buch "Triggerpunkte" auf die Typologie von Lebensführungen, veröffentlicht unter „Bodenständige gegen Weltoffene? Lebensführung und Polarisierung in Deutschland“ in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.
Dieser Beitrag untersucht, ob und inwieweit die Lebensführung sozialer Gruppen mit ihren politischen Einstellungen zusammenhängt. Auch hier sehen die Autoren den Anlass für ihre Untersuchung in der Debatte über neue gesellschaftliche Spaltungslinien, in der postuliert werde, dass modernisierte, weltoffene Milieus und traditionellere, bodenständige Milieus in Fragen von Migration, Klimaschutz und sexueller Diversität grundverschiedene Positionen vertreten würden. Sie stellen zunächst fest, dass kulturell definierte Konzepte wie Milieu und Lebensstil in der bisherigen Polarisierungsforschung, die sich meist auf Klasse und Bildung konzentriere, kaum empirisch berücksichtigt würden. Sofern Studien zur "Polarisierung" die Gesellschaft im Sinne von sozialen Milieus kartieren, würden sie durch die Methode der induktiven Typenbildung immer neue Milieus klassifizieren, was eine "Konsolidierung der Befundlage" erschwere.
Sie verwenden daher die Lebensführungstypologie von Gunnar Otte, die zwischen Ausstattungsniveau (ökonomisches/kulturelles Kapital) und Modernitätsgrad (biografische Offenheit) unterscheidet. Sie zitieren in ihrem Beitrag die entsprechende Definition von Otte: "Der Lebensstil eines Akteurs lässt sich als ein über die Zeit relativ stabiles Muster kohärenter Praktiken der Alltagsgestaltung definieren. Ihm liegen situations- und bereichsübergreifende Schemata ästhetischer und ethischer Bewertungsmaßstäbe zugrunde, die man als Wert- oder Grundorientierungen bezeichnen kann." Auf Basis dieser Typologie ergibt sich eine Matrix aus neun Typen der Lebensführung, die sich in der vertikalen Achse durch ein niedriges, mittleres oder gehobenes Ausstattungsniveau (ökonomisches und kulturelles Kapital) unterscheiden und in der horizontalen Achse durch die Merkmale traditional, teilmodern oder modern.
Auf Basis der Bevölkerungsumfrage „Ungleichheit und Konflikt" (2022) analysieren sie die Einstellungen zu Umverteilung, Migration, Diversität und Klimaschutz. Die Ergebnisse würden zeigen, dass modernisierte Gruppen mit einer hohen biografischer Offenheit tendenziell progressivere Haltungen einnehmen als traditionalistisch orientierte Gruppen. Bei Migrations- und Klimafragen wirke zusätzlich das Ausstattungsniveau: Progressive Positionen häufen sich bei Personen mit gehobenem Kapital. Bei materieller Umverteilung wären Lebensführungsunterschiede hingegen kaum relevant. Multivariate Analysen würden belegen, dass die Lebensführung auch bei Kontrolle für Klasse, Bildung, Alter, Geschlecht und Region ein eigenständiger, mit Klassen- und Bildungsunterschieden vergleichbar bedeutsamer Erklärungsfaktor bleibt.
Auch diese Studie relativiert insofern verbreitete Gegenwartsdiagnosen einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung: Die festgestellten Unterschiede seien zwar signifikant und substanziell, sie würden sich bewegen aber im Rahmen klassischer sozialstruktureller Differenzen bewegen und begründeten keine fundamentale Opposition zwischen den Gruppen. Bedeutsam sei die Lebensführung vor allem für die als „Kulturkämpfe" rubrizierten neueren Konfliktthemen wie Migration, Diversität und Klimaschutz, während sie für Verteilungsfragen kaum eine Rolle spiele. Doch: Statt von unversöhnlichen Lagern auszugehen, sollten Konfliktlinien themen- und dimensionsspezifisch analysiert werden, um die tatsächlichen Ursachen und Ausmaße gesellschaftlicher Meinungsunterschiede angemessen zu erfassen . Die Autoren ziehen drei Schlüsse:
- Erstens reiche eine reine Klassenanalyse nicht aus, um aktuelle Konflikte um Migration, Diversität und Klima zu verstehen. Neben Bildung, Klasse, Alter oder Stadt-Land-Unterschieden spiele auch die Lebensführung eine eigenständige Rolle.
- Zweitens sollten die neuen Konflikte nicht vorschnell zu einem einzigen „Kulturkampf“ zusammengezogen werden. Migration, Diversität und Klimaschutz folgen jeweils unterschiedlichen Strukturierungslogiken.
- Drittens sei Deutschland nicht einfach in „Bodenständige“ und „Weltoffene“ gespalten. Es gäbe erkennbare kulturelle Differenzen, aber keine fundamentale Lagerpolarisierung.

POSTPARADIGMA-Kommentar: Beide Studien kommen mit unterschiedlichen Methoden und Datensätzen zu ähnlichen Ergebnissen. In einer politischen Bewertung ist zunächst Lux, Mau, Westheuser zuzustimmen, dass immer neue Studien mit jeweils eigenen Typologien eine öffentliche Debatte jenseits der wissenschaftlichen Community zumindest nicht erleichtern. Ob der Ansatz der Lebensführung für eine "Kartierung" von Konfliktlinien der am besten geeignete ist, muss der soziologischen Fachdebatte überlassen bleiben. Entscheidender ist aber, dass beide Studien deutlich machen, dass es zwar eine Zwei-Lager-Polarisierung nicht gibt, aber dennoch so etwas wie einen "Kulturkonflikt" um die Frage der Migration und es zugleich eine größere Einigkeit entlang sozioökonomischer Themen und die "Verteilungsfrage" gibt. Zugleich zeigen andere Studien, dass Anspruch und Wirklichkeit in dieser Frage auseinander klaffen. Siehe dieser Beitrag. Für eine progressive Politik kann dies nur bedeuten, die Verteilungsfrage als breites gesellschaftliches Konsensthema stärker in den Mittelpunkt zu rücken.